Die Hanse — ein Handelsimperium ohne Staat
Die Hanse war ein Zusammenschluss von Kaufleuten und später Städten, der vom 12. bis zum 17. Jahrhundert den Handel zwischen Nowgorod und London beherrschte. Sie hatte keine Gründungsurkunde, keine feste Mitgliederliste, keine Hauptstadt und kein stehendes Heer. Trotzdem konnte sie Könige zu Verträgen zwingen — 1370 setzte sie dem dänischen König im Frieden von Stralsund ihre Bedingungen. Diese Machtfülle ohne Staatlichkeit ist ihr eigentliches Rätsel.
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Was die Hanse eigentlich war
Am Anfang stand kein Bund, sondern eine Praxis: Kaufleute aus verschiedenen Städten reisten gemeinsam, weil das sicherer war, und handelten gemeinsam Privilegien aus, weil das billiger war. Aus diesen Fahrtgemeinschaften wurde im 13. und 14. Jahrhundert ein Städtebund.
Die Mitgliedschaft blieb unscharf. Zeitgenössische Listen schwanken zwischen etwa 70 aktiven und bis zu 200 lose verbundenen Städten. Es gab keinen Beitritt und keinen Austritt im rechtlichen Sinn — man gehörte dazu, solange man die Privilegien nutzte und die Beschlüsse mittrug.
Entschieden wurde auf dem Hansetag, meist in Lübeck. Seine Beschlüsse waren allerdings nur so verbindlich, wie die einzelnen Städte sie umsetzten. Die Hanse funktionierte durch Interesse, nicht durch Zwang.
Die vier Kontore
Das Rückgrat waren feste Niederlassungen im Ausland, die Kontore — rechtlich eigenständige Bezirke mit eigenen Statuten:
- Nowgorod (Peterhof) — Pelze, Wachs, Honig aus dem russischen Hinterland.
- Bergen (Bryggen) — Stockfisch aus Nordnorwegen, in Süddeutschland als Fastenspeise gefragt.
- Brügge — Umschlagplatz zum flandrischen Tuchmarkt und zum Mittelmeerhandel.
- London (Stalhof) — englische Wolle und Tuch.
Das Grundgeschäft war unspektakulär und enorm einträglich: Hering aus der Ostsee, gesalzen mit Salz aus Lüneburg, verkauft in ganz Europa als Fastenspeise. Dazu Getreide aus dem Ordensland, Holz, Teer, Bier. Transportiert wurde mit der Kogge, einem bauchigen Schiff mit viel Laderaum und kleiner Besatzung.
1370 — der Höhepunkt
Dänemark kontrollierte mit dem Öresund die Zufahrt zur Ostsee und erhöhte die Zölle. König Waldemar IV. griff 1361 zudem Visby auf Gotland an.
Die Städte antworteten mit der Kölner Konföderation von 1367 — einem Kriegsbündnis — und rüsteten Flotten aus. Sie gewannen, und der Frieden von Stralsund 1370 legte fest: Zollfreiheit im Sund, Handelsprivilegien in Dänemark und, am bemerkenswertesten, ein Mitspracherecht bei der dänischen Königswahl.
Ein Bund von Handelsstädten diktierte einem Königreich die Bedingungen — und besaß dabei selbst keine Staatsgewalt.
Warum es endete
Der Niedergang hatte mehrere Ursachen, die alle in dieselbe Richtung wirkten. Die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien verlagerte die Handelsströme an den Atlantik. Niederländer und Engländer bauten bessere und billigere Schiffe. Vor allem aber entstanden Territorialstaaten mit eigenen Flotten und Zollpolitiken — und gegen einen Staat konnte ein Netzwerk ohne Zwangsgewalt nicht bestehen.
Der letzte Hansetag fand 1669 statt; nur neun Städte erschienen. Aufgelöst wurde die Hanse nie — sie hörte einfach auf zu tagen. Geblieben ist das Kürzel: Das „H" in den Kfz-Kennzeichen von Hamburg, Bremen, Lübeck und Rostock steht bis heute für Hansestadt.
Häufige Fragen
Was war die Hanse?
Ein Zusammenschluss von Kaufleuten und später Städten, der vom 12. bis 17. Jahrhundert den nordeuropäischen Handel beherrschte — ohne Gründungsurkunde, Hauptstadt oder stehendes Heer.
Wie viele Städte gehörten zur Hanse?
Etwa 70 aktive und bis zu 200 lose verbundene Städte. Eine feste Mitgliederliste gab es nicht; man gehörte dazu, solange man die Privilegien nutzte und Beschlüsse mittrug.
Was waren die Kontore der Hanse?
Feste Auslandsniederlassungen mit eigenen Statuten: Nowgorod, Bergen, Brügge und London. Sie waren das Rückgrat des Handelsnetzes.
Was war der Frieden von Stralsund 1370?
Der Höhepunkt hansischer Macht. Nach dem Sieg über Dänemark erhielten die Städte Zollfreiheit im Öresund, Handelsprivilegien und sogar ein Mitspracherecht bei der dänischen Königswahl.
Warum ging die Hanse unter?
Die Handelsströme verlagerten sich nach der Entdeckung Amerikas an den Atlantik, Niederländer und Engländer bauten bessere Schiffe, und aufkommende Territorialstaaten mit eigenen Flotten waren einem Netzwerk ohne Zwangsgewalt überlegen. Der letzte Hansetag fand 1669 statt.
Quellen
- Frieden von Stralsund, 1370 — Vertragstext; Höhepunkt der hansischen Machtstellung.
- Hanserezesse — Überlieferte Beschlüsse der Hansetage, wichtigste Quellensammlung.
- Europäisches Hansemuseum Lübeck