Die Feme — Westfalens Gerichte unter freiem Himmel
Die Femegerichte waren Gerichte in Westfalen, die unter freiem Himmel tagten, im ganzen Reich luden und nur eine einzige Strafe kannten: den Strang. Ihre Blütezeit lag im 14. und 15. Jahrhundert, als die ordentliche Gerichtsbarkeit vielerorts nicht funktionierte. Zehntausende Männer waren als Freischöffen aufgenommen, darunter Kaiser Sigismund. Der Ruf des Geheimnisvollen, der sie umgibt, stammt allerdings überwiegend aus dem 19. Jahrhundert.
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Woher sie kamen
Die Feme war keine Neugründung, sondern der Rest einer alten Ordnung: die karolingischen Grafschaftsgerichte, die sich in Westfalen länger hielten als anderswo. Nach dem Sturz Heinrichs des Löwen 1180 zerfiel das Herzogtum Sachsen; in diesem Vakuum blieben die alten Freigerichte bestehen und beanspruchten, direkt vom König abzuleiten.
Genau das war ihre Stärke. Weil sie sich auf königliche Gerichtsbarkeit beriefen, konnten sie Menschen im ganzen Reich vorladen — nicht nur Bewohner Westfalens. In einer Zeit, in der territoriale Gerichte an der Landesgrenze endeten, war das ein einzigartiges Angebot: Wer sein Recht sonst nirgends bekam, ging zur Feme.
Wie ein Verfahren ablief
Den Vorsitz führte der Freigraf, Urteiler waren die Freischöffen. Getagt wurde am Freistuhl unter freiem Himmel, oft an einem alten Gerichtsplatz; der bekannteste liegt in Dortmund.
Der Ablauf war förmlich. Die Ladung wurde dem Beschuldigten zugestellt oder an seine Tür geheftet. Erschien er, verhandelte man offen — jeder durfte zusehen. Zuständig war die Feme für peinliche Sachen, also schwere Verbrechen, und sie kannte genau eine Strafe: den Tod durch den Strang.
Erschien der Geladene nicht, wurde in seiner Abwesenheit verhandelt, und zwar unter Ausschluss aller Nichteingeweihten. Hier liegt der Kern des Geheimnisrufs: Das „heimliche Gericht" war nicht die Regel, sondern das Verfahren gegen den, der sich der Ladung entzog.
Vollstreckt wurde durch die Freischöffen selbst. Wer verurteilt war, konnte von jedem Schöffen, dem er begegnete, gehängt werden — an den nächsten Baum, mit einem Weidenstrick, und ein Messer daneben gesteckt als Zeichen, dass hier ein Urteil vollzogen und kein Mord begangen wurde.
Warum so viele Mitglieder?
Die Zahl der Freischöffen wird auf mehrere zehntausend geschätzt. Aufgenommen wurde nur, wer frei geboren und unbescholten war; er lernte Erkennungszeichen und Grußformeln und schwor, das Verfahren nicht zu verraten.
Der Grund für den Andrang war praktisch: Als Schöffe konnte man selbst nicht vor ein auswärtiges Femegericht geladen werden, sondern nur vor das eigene. Die Mitgliedschaft war also auch eine Versicherung. Kaiser Sigismund ließ sich 1429 selbst aufnehmen — was zeigt, wie ernst die Einrichtung genommen wurde.
Das Ende und der Nachruhm
Die Feme verschwand, weil ihr Grund entfiel. Mit dem Ewigen Landfrieden von 1495 und dem Reichskammergericht entstand eine reichsweite Instanz; zugleich bauten die Territorien eigene, funktionierende Gerichte auf. Ein Gericht, das nur half, weil es sonst keines gab, wurde überflüssig. Im 16. Jahrhundert schrumpfte die Zuständigkeit auf lokale Sachen; formell aufgehoben wurden die letzten Freigerichte erst 1811.
Der schaurige Ruf ist jünger als die Sache. Romane und Dramen des 19. Jahrhunderts machten aus den Freistühlen einen Geheimbund mit vermummten Richtern in Kellergewölben — von Goethes Götz von Berlichingen bis zur Schauerliteratur.
Bedenklicher ist die spätere Übernahme des Wortes: In der Weimarer Republik nannten rechtsextreme Gruppen ihre politischen Morde Fememorde und beriefen sich damit auf eine angeblich alte Tradition der Selbstjustiz. Mit den westfälischen Freigerichten, die nach förmlichem Verfahren urteilten, hatte das nichts zu tun.
Häufige Fragen
Was waren die Femegerichte?
Westfälische Freigerichte, die unter freiem Himmel tagten, ihre Gerichtsbarkeit vom König ableiteten und deshalb im ganzen Reich laden konnten. Sie kannten nur eine Strafe: den Tod durch den Strang.
Waren die Femegerichte geheim?
Nur teilweise. Erschien der Geladene, wurde öffentlich verhandelt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagte man nur gegen jemanden, der sich der Ladung entzogen hatte.
Wer war Freischöffe?
Ein frei geborener, unbescholtener Mann, der aufgenommen wurde, Erkennungszeichen lernte und Verschwiegenheit schwor. Man schätzt mehrere zehntausend; sogar Kaiser Sigismund ließ sich 1429 aufnehmen.
Warum verschwand die Feme?
Weil ihr Zweck entfiel. Mit dem Ewigen Landfrieden 1495 und dem Reichskammergericht entstand eine reichsweite Instanz, und die Territorien bauten eigene funktionierende Gerichte auf.
Was hat die Feme mit den „Fememorden" zu tun?
Nichts außer dem Namen. Rechtsextreme Gruppen der Weimarer Republik nannten ihre politischen Morde so, um sich auf eine angebliche Tradition der Selbstjustiz zu berufen.
Quellen
- Freistuhl Dortmund-Körne — Bekanntester erhaltener Gerichtsplatz der westfälischen Feme.
- Aufnahme Kaiser Sigismunds als Freischöffe, 1429 — Urkundlich überliefert.
- LWL — Westfälische Geschichte, Quellen zur Feme