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Das Heilige Römische Reich — 844 Jahre in einem Überblick

962 · Reich & Recht

Das Heilige Römische Reich bestand von 962 bis 1806 und war kein Staat im heutigen Sinn. Es hatte keine Hauptstadt, keine gemeinsame Sprache, kein stehendes Heer und keine einheitliche Rechtsordnung. Es war ein Verband von hunderten Territorien unter einem gewählten Oberhaupt, dessen Macht weniger auf Ämtern als auf dem eigenen Hausbesitz beruhte. Genau diese lockere Bauart erklärt beides: seine bemerkenswerte Langlebigkeit und seine militärische Schwäche.

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Wahlreich, nicht Erbreich

Der wichtigste Unterschied zu Frankreich oder England: Der römisch-deutsche König wurde gewählt. Zwar setzten sich in der Praxis Dynastien durch — Ottonen, Salier, Staufer, später über Jahrhunderte die Habsburger — aber jeder Herrscher musste die Wahl neu gewinnen und dafür zahlen, wörtlich wie politisch.

Wer wählte, war lange ungeregelt und Anlass ständiger Doppelwahlen. Erst die Goldene Bulle von 1356 schrieb sieben Kurfürsten und die einfache Mehrheit fest. Bei jeder Wahl musste der Kandidat außerdem eine Wahlkapitulation unterschreiben — eine Liste von Zugeständnissen an die Fürsten. Über die Jahrhunderte wurde diese Liste immer länger, die Macht des Gewählten immer kleiner.

Kaiser und Papst

Der Kaisertitel knüpfte an Rom an: Die Idee war, das weströmische Kaisertum sei nicht untergegangen, sondern auf die fränkischen und dann deutschen Herrscher übergegangen. Gekrönt wurde ursprünglich in Rom, durch den Papst.

Daraus folgte ein Dauerkonflikt. Wenn der Papst den Kaiser krönt — steht er dann über ihm? Der Investiturstreit trieb die Frage auf die Spitze: 1077 stand Heinrich IV. in Canossa, 1122 einigte man sich im Wormser Konkordat auf eine Teilung geistlicher und weltlicher Einsetzung.

Die Goldene Bulle entzog dem Papst 1356 stillschweigend jedes Mitspracherecht bei der Königswahl. Ab Maximilian I. (1508) nannten sich die Herrscher „erwählter römischer Kaiser" ohne Romfahrt.

Wie das Reich tatsächlich verwaltet wurde

Da es keinen zentralen Apparat gab, entstanden Einrichtungen, die zwischen den Territorien vermittelten:

Der Ewige Landfriede von 1495 verbot die Fehde, das private Kriegführen. Damit wurde der Rechtsweg zur einzigen erlaubten Möglichkeit, Streit auszutragen.

Das Ende — und Voltaires Spott

Der Dreißigjährige Krieg und der Westfälische Friede von 1648 gaben den Landesherren nahezu vollständige Souveränität. Das Reich blieb als Rechtsrahmen bestehen, aber die eigentliche Politik machten Brandenburg-Preußen und Österreich, die einander bald bekämpften.

1806 legte Franz II. unter dem Druck Napoleons die Krone nieder und löste das Reich auf. Es endete nicht in einer Schlacht, sondern durch eine Urkunde.

Voltaires bekanntes Urteil von 1761 — das Reich sei „weder heilig noch römisch noch ein Reich" — ist ein guter Witz und eine schlechte Analyse. Er misst einen Verband des Mittelalters an den Maßstäben des zentralisierten Nationalstaats. Nach diesem Maßstab war das Reich in der Tat mangelhaft. Nach seinem eigenen Maßstab — Frieden zwischen hunderten Herrschaften über Jahrhunderte hinweg zu organisieren — hat es erstaunlich lange funktioniert.

Kein Ereignisjahr, sondern der Anfangspunkt: Ottos Kaiserkrönung 962. Der Überblicksartikel spannt den Bogen bis 1806.

Häufige Fragen

Wann bestand das Heilige Römische Reich?

Üblicherweise von der Kaiserkrönung Ottos I. im Jahr 962 bis zur Niederlegung der Krone durch Franz II. im Jahr 1806 — rund 844 Jahre.

War das Heilige Römische Reich ein deutscher Staat?

Nein. Es war ein Verband hunderter Territorien mit gewähltem Oberhaupt, ohne Hauptstadt, gemeinsame Sprache oder einheitliches Recht. Der Zusatz „Deutscher Nation" kam erst im späten 15. Jahrhundert auf.

Wer durfte den Kaiser wählen?

Seit der Goldenen Bulle von 1356 sieben Kurfürsten: die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier sowie Böhmen, Pfalz, Sachsen-Wittenberg und Brandenburg.

Warum ging das Heilige Römische Reich unter?

Der Westfälische Friede 1648 machte die Landesherren faktisch souverän; danach bestimmten Österreich und Preußen die Politik. 1806 legte Franz II. unter dem Druck Napoleons die Krone nieder.

Was meinte Voltaire mit „weder heilig noch römisch noch ein Reich"?

Er verspottete 1761 die Selbstbezeichnung. Der Satz misst allerdings einen mittelalterlichen Verband an den Maßstäben des zentralisierten Nationalstaats, den es damals noch gar nicht gab.

Quellen

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